RESET – Neustart

Ein Jubiläum inmitten der Pandemie. Unser tägliches Leben wird von einem Virus beherrscht. Aber nicht etwa einem Computervirus. Nein, eine real existierende organische Struktur, neuartig, hochansteckend und mit lebensbedrohlicher Wirkung geht um die Welt. Ein arglistiger Regisseur hätte sich den Plot nicht besser ausdenken können.

Wie umgehen damit? Die Vorbereitung der Ausschreibung zur lang geplanten Jubiläumsausstellung im Thüringer Landtag fiel genau in die Phase des Lockdowns. In jenen Wochen konnte niemand sagen, wie sich die Pandemie entwickeln würde, wie lange die restriktiven Maßnahmen zu ihrer Eindämmung andauern müssten und ob eine Ausstellung überhaupt stattfinden könne. Die Zeit war geprägt von tiefgreifenden Einschränkungen des öffentlichen, aber auch des persönlichen Lebens, von Ungewissheiten und Unsicherheiten, Ängsten und finanziellen Nöten. Viele Künstlerinnen und Künstler verdienen ihren Lebensunterhalt als Soloselbständige ohne einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Die Erfahrung des Lockdowns stellte für sie eine existenzbedrohende Situation dar: Ausstellungen wurden mitten in den Vorbereitungen abgesagt oder vorzeitig geschlossen, Kurse konnten nicht mehr durchgeführt werden, Galerien waren geschlossen, Verkäufe gleich null.

Das Vorbereitungsteam war sich einig darüber, dass man mit der Veranstaltung nicht einfach zur Tagesordnung schreiten und eine Retrospektive auf dreißig Jahre Verband organisieren kann, auf der die Vielfalt der künstlerischen Handschriften seiner Mitglieder gezeigt würde. Es lag auf der Hand, dass die Ausstellung einen Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen, aber auch zur persönlichen Situation der Künstlerinnen und Künstler haben sollte. Gerade in Krisenzeiten ist Kunst nicht überflüssig und entbehrlich; sie ist wichtiger denn je. Kunst kann Gemeinschaften bilden und Sinn stiften, Optimismus versprühen, Sorgen vergessen lassen, den Horizont erweitern, Denkanstöße liefern – kurz: Sie ist elementar für eine offene Gesellschaft, für unsere Demokratie.

Unter dem Motto RESET – NEUSTART wurde an die rund 340 Mitglieder des Verbandes eine Ausschreibung gerichtet; eine Fachjury entschied über die einzelnen Bewerbungen. RESET beschreibt einen Vorgang, bei dem ein System heruntergefahren wird. Jedem RESET folgt aber auch ein NEUSTART, bestenfalls wurde das System vorher überprüft und hinterfragt, neu gestaltet und verbessert. Jede Krise birgt also zugleich die Chance auf einen Neubeginn. Sie bietet Zeit zum Innehalten und Nachdenken, Kraft und Mut für Veränderungen, um neue Wege zu beschreiten.

Die Ausstellung präsentiert auf drei Etagen Werke von insgesamt 56 Künstlerinnen und Künstlern des Verbandes, die um das Motiv des Neustarts kreisen. Sie vereint Beiträge aus den vergangenen dreißig Jahren, wobei der Schwerpunkt auf aktuellen Arbeiten liegt. Der Bezugsrahmen geht dabei weit über das Thema der Coronapandemie hinaus.

Die Gemälde, Grafiken, Fotografien, plastischen Objekte und Installationen sind zumeist sehr persönliche Statements. Bei aller Vielfalt und Individualität der künstlerischen Ansätze, der Handschriften und Erzählungen lassen sich mehrere inhaltliche Schwerpunkte ausmachen.

So geht es in einem Teil der Werke um das eigene Erleben und Verarbeiten privater Krisen oder Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod (MARIO BIERENDE, SUSANNE WORSCHECH, EKKEHARD FRANZ). Daneben berichtet THERESA BERGER in ihrer einfühlsamen Serie von Zeichnungen über den Neustart von Menschen, die dank der Hilfe anderer wieder ins Leben zurückgefunden haben.

Für künstlerische Reflexionen bedarf es jedoch nicht unbedingt existenzieller Krisen, auch andere, private Veränderungen im Leben sind Anlass genug, sich mit ihnen künstlerisch auseinanderzusetzen.

Mit seiner großformatigen Zeichnung nimmt uns KLAUS NERLICH mit zurück in die Zeit, in der er sein neues Atelier plante und baute. Symbolisch wartet dort ein großer Sessel darauf, dem Künstler auch nach seinem offiziellen Eintritt in den Ruhestand Platz und Raum für neue Gedanken und Projekte zu bieten.

SIEGFRIED BÖHNINGs Arbeit macht deutlich, dass man auch nach vielen Jahren erfolgreicher Landschaftsmalerei den Neustartknopf drücken kann, um anderes auszuprobieren. Er wandte sich kürzlich der Figurenmalerei zu, mit der er nun – wie auch BARBARA TOCH in ihrer Arbeit „Nachricht lesendes Mädchen“ – zwischenmenschlichen Kommunikationsprozessen jenseits digitaler Medien nachspürt.

Ein Neustart birgt auch Kontinuität. Das zeigen die Grafiken von MANFRED HAUSMANN, der sich seit rund 30 Jahren mit dem Thema „Kopf“ beschäftigt und in den letzten Arbeiten für das körperlich-geistige Zentrum des Menschen eine nahezu symbolische Form gefunden hat. JOHANNES GRÄBNER hat mit dem Porträt seiner ganz mit weißer Farbe überdeckten, nackten schwangeren Frau einen sehr persönlichen Moment des Neubeginns festgehalten, der weniger die Vorfreude auf das Vaterwerden als vielmehr die Ungewissheit, die Fragen und auch unausgesprochenen Ängste verbildlicht, die mit diesem neuen Lebensabschnitt verbunden sind. Die Farbe Weiß, die nicht nur Unschuld und Reinheit symbolisiert, sondern ebenso Verunsicherung und Zweifel, ist auch Thema der Arbeit von RÜDIGER MUSSBACH.

PETER GENSSLERs „Kaffernbulle“ steht für eine berufliche Umorientierung, als er sein Kunststudium abbrach und eine Ausbildung zum Tierpfleger begann. CLAUDIA KATRIN LEYH wiederum ist mit der Büste eines Mädchens im Teenager-Alter vertreten, das zwischen Trotz und Unsicherheit dem Erwachsenwerden entgegensieht.

Nicht wenige Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit Problemen unserer globalisierten Gesellschaft auseinander, mit Fragen des Umwelt- und Naturschutzes oder der Klimakrise und damit Themen, bei denen Schlagworte wie Umdenken und Neubeginn seit vielen Jahren virulent sind.

Während sich KONSTANZE TROMMER in ihrer Malerei seit vielen Jahren für einen veränderten Umgang des Menschen mit dem Tier einsetzt, betrat CLIVIA BAUER mit ihrer Serie von Tierporträts motivisches Neuland. WOLF BERTRAM BECKER thematisiert in seinem großformatigen Gemälde das Erlebnis des Hochwassers im Jahr 2013. In einem zehnteiligen Zyklus hat WOLFGANG SCHWARZENTRUB die langwierige und noch immer andauernde Renaturierung der Ostthüringer Wismutregion verarbeitet. In der Ausstellung zeigt er ein Gemälde, das an den Haldenrutsch von Gessen erinnert, den er als Kind selbst erlebte.

Andere Beiträge nehmen Bezug auf den politisch-gesellschaftlichen Umbruch vor dreißig Jahren, der für nicht wenige Mitglieder des Verbandes einen gravierenden Einschnitt in ihren persönlichen wie auch beruflichen Werdegang darstellte. Viele Mitglieder haben die Zeit der Friedlichen Revolution aktiv mitgestaltet. Andere konnten erst durch die neu gewonnenen Freiheiten und Möglichkeiten ihren künstlerischen Weg beschreiten. BIRGER JESCHs Arbeit mit dem mehrdeutigen Titel „Anschlag“ erinnert an den Aufbruch im Oktober 1989, das Aufbegehren der Bürgerrechtler/innen und Aktivist/innen, die den hohlen, realitätsfernen Phrasen der DDR-Propaganda mit Besonnenheit und vor allem einem expliziten Aufruf zum Gewaltverzicht entgegentraten. Das Flugblatt ruft uns heute vor Augen, dass es damals auch darum ging, das Volk nicht zu spalten – ein Gedanke, der durch die Zunahme von Hass und Hetze an Aktualität gewonnen hat.

MARCEL KRUMMRICHs wenige Wochen alte Aufnahme der verriegelten deutsch-tschechischen Grenze löst bei vielen beklemmende Gefühle aus. Solch ein RESET, ein Zurück zu geschlossenen Schlagbäumen, war im Europa von heute eigentlich undenkbar. Deutlich wird, wie fragil und keinesfalls selbstverständlich die in den Jahren 1989/90 erkämpften Freiheiten sind.

In diese Zeit fiel auch die Gründung des Verbandes Bildender Künstler Thüringen. Die Designerin ELVIRA FRANZ engagierte sich viele Jahre lang hauptberuflich als geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Mitglied im Bundesvorstand Bildender Künstler. Das hatte auch Auswirkungen auf ihr künstlerisches Schaffen, das sich auf die Malerei verlagerte. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bereich der konstruktiv-konkreten Kunst. Einen ganz eigenen abstrakten Bildkosmos hat der Maler und Bildhauer KARL HEINZ BASTIAN nach Aufgabe seiner Tischlertätigkeit über viele Jahre autodidaktisch entwickelt, um innere Gedankenprozesse sichtbar zu machen.

Mit dem Ende der DDR und dem Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland wurden auch die alten Strukturen des sozialistischen Kunstbetriebs zerschlagen. War ein Auskommen als Künstler/in in der DDR (vorausgesetzt man opponierte nicht zu offensiv gegen das System) weitgehend sicher, so änderte sich die Situation mit der Wende drastisch. Nicht nur für SYLVIA BOHLEN, damals frisch diplomierte Bildhauerin, stand plötzlich die gesicherte Existenz auf dem Spiel. Das bisherige figürliche Arbeiten stellte sie infrage und tastete sich in einem längeren Prozess an eine ungegenständliche Formensprache heran. Dass die Zeit der 1990er Jahre einerseits von einem Gefühl des Aufbruchs und der Freiheit geprägt war, anderseits aber auch von Scheitern und Rückschlägen verdeutlicht JOST HEYDERs Gemälde mit sich wild befreienden, dabei aber auch stürzenden Marionetten.

Schließlich steht eine größere Anzahl an Werken für einen Neubeginn im künstlerischen Bereich etwa durch neu erprobte Techniken wie die Lichtobjekte von CHARLOTTE SEHMISCH oder die großformatigen Pflanzendrucke von TANJA POHL, durch neu gefundene Motive wie die auf die Darstellung von Grundnahrungsmitteln reduzierten Cyanotypien SUSANNE CASPER-ZIELONKAs oder auch durch neue Formate wie SIBYLLE MANIAs kreisförmige Radierungen und ELKE ALBRECHTs auf kleine Leinwände beschränkten abstrakten Formengebilde. Sie alle veranschaulichen die ständige kritische Selbstbefragung (verbildlicht in dem dreiteiligen Selbstporträt BENEDIKT SOLGAs) und den Neubeginn als ein zentrales künstlerisches Prinzip.

Ein Teil der Werke wie HEIKE STEPHANs intuitive Tuschzeichnungen von fabelhaften Wesen und Gespinsten, die collageartig geformte Samenkapsel von SYBILLE SUCHY, DOREÉN REIFENBERGERs dunkle Tonscheibe, aus der kleine goldene Keime beginnen herauszuwachsen, oder die beiden farbintensiv aufblühenden „Wunderblumen“ von EVA BRUSZIS, die auf einer Arbeit aus der Wendezeit basieren, als die Künstlerin eine vergleichbare Krisensituation erlebte, entstand tatsächlich in den Wochen des Lockdowns und macht deutlich, dass Krisenzeiten durchaus produktives und wegweisendes Potenzial besitzen können. Mit der Coronapandemie, für die KATJA TRIOL mit ihrem überlebensgroßen Stillleben einer medizinischen Atemschutzmaske ein symbolhaftes Zeichen formuliert hat, ist unsere Gesellschaft an einem Punkt „Fragiler Balance“ (THOMAS LINDNER) angekommen, an dem das System jederzeit in die eine oder andere Richtung kippen kann. Wir haben es zumeist selbst in der Hand, ob aus einem RESET auch ein (Neu-)Start werden kann, wie die interaktive Arbeit von MARIANNE CONRAD vor Augen führt. Es braucht gemeinschaftlichen Kampfesgeist (ROLF LINDNER), Tatendrang und Kreativität, „Energetische Typen“ (SVEN SCHMIDT), die den ersten Schritt machen, einfach losgehen (STEFAN LEYH). Doch damit ist es nicht getan. Es bedarf auch der fördernden Hand der Kulturpolitik und anderer Partner.

Der VBKTh darf sich glücklich schätzen, seit Jahren von verschiedenen Seiten zuverlässige Unterstützung zu erfahren. Seit 2012 fördert die Thüringer Staatskanzlei Ausstellungsprojekte der Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT, zu der auch die Jubiläumsschau gehört. Noch immer fehlt es an einer gesetzlichen Verankerung, dass Künstlerinnen und Künstlern für die Nutzung ihrer Werke in Ausstellungen ein Honorar gezahlt wird. Mit dieser Reihe zielt der VBKTh darauf ab, auch in Thüringen ein öffentliches Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, und kann dank der Förderung mit gutem Beispiel vorangehen.

Ein konstanter Partner ist auch die SV SparkassenVersicherung mit ihrem Kunstförderprogramm ART-regio, bei dessen Geschäftsführer Dr. Rolf Luhn wir uns für die langjährige produktive Zusammenarbeit und das ehrliche Engagement für die Thüringer Künstlerinnen und Künstler bedanken möchten.

Nicht zuletzt danken wir dem Thüringer Landtag, namentlich seiner Präsidentin Birgit Keller, dass wir nach 2014 erneut zu Gast im Hause sein dürfen. In diesen für persönliche Begegnungen schwierigen Zeiten wurde zusätzlich ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung produziert, der allen Interessierten einen Besuch der Schau auch aus der Ferne ermöglicht. Für die praktische Realisierung der Ausstellung geht unser herzlichster Dank an Silvia Erlekampf, die das Projekt mit Energie und Begeisterung vorangetrieben hat, sowie an das Technikteam, das den Aufbau tatkräftig begleitete.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Krisen und Schicksalsschläge. Für manche ist das Glas halb voll, für manche halb leer, wie die Installation von AMBECH versinnbildlicht, da mag man die Dinge so oft wenden wie man will. Die Ausstellung aber versprüht kreativen Optimismus. Es lohnt sich, nach vorn zu schauen. Also, hisst das Segel (FALKO BÄRENWALD). Die Künstlerinnen und Künstler sind „Bereit für morgen“ (ANKE STILLER).

Conny Dietrich
Kuratorin

Die Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT ist ein Projekt des Verbandes Bildender Künstler Thüringen unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei  ·  Seitenanfang Impressum Datenschutz