30 Jahre Verband Bildender Künstler Thüringen e. V.

Zum 30jährigen Geburtstag stellt der Verband Bildender Künstler Thüringen e.V. seine Jubiläumsausstellung unter das Schlagwort RESET und gibt damit das Prinzip des Neustarts als Generalthema vor. Vor allem unter dem Eindruck der bisher noch nie erlebten Erfahrung eines fast vollständigen Herunterfahrens des öffentlichen Lebens und sogar privater sozialer Kontakte während der Coronapandemie und der Herausforderungen eines anschließenden Neubeginns fragt die Ausstellung nach der generellen Bedeutung des Wieder-neu-Anfangens, nicht nur im Hinblick auf künstlerisch-schöpferische Arbeit selbst, sondern auf ihr gesellschaftliches Umfeld.

Und dabei richtet sich der Blick auch auf die Gründung des VBKTh am 10.10.1990: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert den Begriff RESET, einen Anglizismus, der aus der Elektronik den Weg in unsere Alltagssprache gefunden hat, als Vorgang, „durch den ein elektronisches System in einen definierten Anfangszustand gebracht wird. Dies kann erforderlich sein, wenn das System nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert und auf die üblichen Eingaben nicht reagiert“.

Die Gründung des VBKTh kurz vor dem Beitritt der DDR und zur Bundesrepublik Deutschland im Herbst 1990 stellt sich, bei näherer Betrachtung, ein solcher RESET-Vorgang dar. Die noch bis 1990 bestehende Berufsorganisation bildender Künstler in der DDR, der Verband Bildender Künstler (VBK), war mit ihren in das politische System der DDR eingepassten Organisationsstrukturen und Systemen der Interessenvertretung ihrer Mitglieder nicht mehr in der Lage, „auf die üblichen Eingaben zu reagieren“ und war, da die Ordnung, auf die sie ausgerichtet worden war, nicht mehr existierte, ebenfalls nicht mehr funktionstüchtig.

Um in den neuen gesellschaftlichen Konstellationen, Strukturen und Bedingungen nach 1990 auch weiterhin eine Standesvertretung für bildende Künstlerinnen und Künstlern zu gewährleisten, bedurfte es in der Tat der Definition eines Anfangszustands, einer neuen Verständigung über das Selbstverständnis als Berufsverband ebenso wie über Ziele und Aufgaben. In der Phase einer grundhaften gesellschaftlichen und politischen Transformation drohten unersetzliche Substanzverluste, die es zu verhindern galt. Gleichzeitig bot sich die Chance, zukunftsfähige Strukturen für die Interessenvertretung Bildender Kunst aufzubauen.

Aber welch einen Sprung ins kalte Wasser wagten die Künstlerinnen und Künstler, als sie in der Gründungsversammlung am 10. Oktober 1990 den Verband Bildender Künstler Thüringen als eingetragenen Verein ins Leben riefen! In einer Zeit, in der sich die Institutionen des Bundes, des Landes und der Kommunen, gegenüber denen der VBKTh die Interessen bildender Künstlerinnen und Künstler vertreten sollte, in den Neuen Ländern eben erst selbst formierten, richteten sie mit Mut, Zuversicht und einem hohen Maß an persönlichem Einsatz die erste Geschäftsstelle am Erfurter Fischmarkt ein, mit der Künstlerin Elvira Franz als erster Geschäftsführerin.

Es ist nicht zuletzt das Verdienst dieses mutigen RESET durch die Gründerinnen und Gründer, dass der VBKTh heute in Thüringen die entscheidende Instanz für die Interessenvertretung Bildender Kunst ist, zugleich die einflussreichste Lobby, die sich für angemessene gesetzliche und soziale Rahmenbedingungen der Kreativberufe stark macht.

Im Verlauf von 30 Jahren hat der VBKTh ein breites Spektrum von Instrumenten und Formaten entwickelt, um die Position der zeitgenössischen Kunst in der und für die Thüringer Gesellschaft wahrnehmbar zu machen.

Von Anfang an hat er dabei als Partner und Berater der Kulturpolitik agiert. Wenn das Land Thüringen seine Aufgabe definiert, „langfristig die Rahmenbedingungen zu fördern, in denen sich künstlerische Kreativität entfalten kann“, kann es sich auf die Organisationsstruktur und Erfahrung des VBKTh als repräsentative Vertretung Thüringer Künstlerinnen und Künstler verlassen, gehören doch von den etwa 600 in Thüringen lebenden Kreativen mehr als die Hälfte dem VBKTh an. Das vom Land gesetzte Ziel, die Ausstellungsmöglichkeiten zu fördern sowie Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten einem breiten Publikum bekannt zu machen, werden vom Verband unterstützt, immer wieder eingefordert und nicht zuletzt auch praktisch umgesetzt, wobei jährlich mehrere Ausstellungen, die Produzenten galerie auf der Krämerbrücke in Erfurt sowie die renommierte Kunstmesse artthuer als Biennale nur die größten Projekte des VKBTh darstellen. Auch die Künstler- und Projektförderung ist in Thüringen ohne die beratende Funktion von Verbandsmitgliedern in den entscheidenden Gremien nicht denkbar.

Über die institutionelle Kooperation hinaus versteht sich der VBKTh als Stimme der Thüringer Künstlerschaft gegenüber der Öffentlichkeit und ist in dieser Mission gleichzeitig Mahner und Mittler. Als Mahner gilt es, immer wieder auf die integrale gesellschaftliche Rolle von Kunst hinzuweisen und ihr nicht nur die die gebührende Anerkennung, sondern auch die ihrer Leistung angemessene finanzielle Wertschätzung zu erkämpfen. Als Mittler vernetzt der VBKTH die wirtschaftlichen Akteure, die Unternehmen und Verbände in Thüringen mit dem kreativen Potential der Thüringer Künstlerschaft. Das Langzeitprojekts WERT DER KREATVITÄT reflektiert diese gesellschaftliche Funktion des Verbandes in ihrer doppelten Stoßrichtung.

Der VBKTh arbeitet auch inhaltlich als Aussteller, Anreger und Ideengeber. Mit kuratierten Ausstellungskonzepten nimmt er sich anstehender künstlerischer und gesellschaftlicher Themen an und legt sie der Öffentlichkeit aus der Perspektive Thüringer Kunst vor – wobei ausdrücklich nicht nur Verbandsmitglieder zur Teilnahme aufgefordert werden. So wird jede Ausstellung des VBKTh zu einer Facette zeitgenössischer Kunst vor dem Hintergrund der Thüringer Kunstlandschaft.

Geprägt ist diese Landschaft im Vergleich zu anderen deutschen Regionen durch ihre flächige Ausdehnung ohne dominierende Kunstzentren. Zwar leben und arbeiten viele Mitglieder des Verbandes entlang der Städtekette zwischen Gotha und Jena, zwar gibt es mit der Bauhaus-Universität in Weimar eine Kunsthochschule und an mehreren Fachhochschulen Ausbildung in gestalterischen Berufen. Doch das Bild der Thüringer Kunstszene setzt sich unverkennbar – die VBKTh-Publikation KUNSTPFADE. ENTDECKUNGEN IN DER THÜRINGER KUNSTLANDSCHAFT im Jahr 2010 und die Ausstellung PROVINZ. VIERZIG KÜNSTLERISCHE BEKENNTNISSE im Jahr 2013 haben das anschaulich bewiesen - aus dem Schaffen aller Künstlerinnen und Künstler zusammen, nicht zuletzt derer, die ihr Arbeits- und Wirkungsfeld in den ländlichen Gebieten und Randlagen gefunden haben.

Die Tatsache, dass keine hot spots der Kunstszene schöpferisches Potenzial abschöpfen, vereinnahmen und vereinheitlichen können, birgt eben auch eine Chance. So wirkt zum Beispiel in manchem Œuvre eine regionale Überlieferung weiter, seien es die Zentren der Textilgestaltung in Gera und im Vogtland, das Glasmacherhandwerk des Thüringer Walds oder die Schmuckgestaltung in Erfurt.

Wie immer, wenn Projekte und Ausstellungen des Verbandes die bildnerischen Ausdrucks- und Darstellungsformen seiner Mitglieder in einen Kontext stellen, erschließt sich in diesem Miteinander die unerschöpfliche Vitalität und Vielfalt der Möglichkeiten. Aber nicht nur die Themen und Methoden verschränken sich. Der Verband lebt auch von der Gemeinschaft mehrerer Künstlergenerationen, die ihre Ausbildung, ihr künstlerisches Heranwachsen in unterschiedlichen Situationen, nicht zuletzt unter den entgegengesetzten Bedingungen zweier unterschiedlicher Gesellschaftssysteme erlebt haben. Künstlerische Positionen, die sich noch unter den Vorzeichen der Kunstszene in der DDR ausgeformt hatten und nach der politischen Wende ihren Weg neu bestimmten, stehen partnerschaftlich neben einer Generation, die ihre Themen und Ausdrucksmittel in den dramatischen Jahren um 1990 fand und ebenso neben jüngeren Jahrgängen, hineingeboren in eine weltweit vernetzte, mobile Kunstszene mit unbegrenzten Möglichkeiten und Risiken und konfrontiert mit einem vermeintlich grenzenlosen Kunstmarkt. Von der Durchmischung seiner Mitgliederschaft und den daraus sich entwickelnden Impulsen lebt der VBKTh. Er besteht nicht aus seinen Gremien, sondern aus der Solidargemeinschaft aller, die den Verband Bildender Künstler Thüringen als Podium, Forum und Schnittstelle für die Herausforderungen von heute und morgen stark macht.

Klaus Nerlich und Angelika Steinmetz-Opelland
Sprecher des Verbandes Bildender Künstler Thüringen e. V.

Die Themenreihe WERT DER KREATIVITÄT ist ein Projekt des Verbandes Bildender Künstler Thüringen unterstützt durch die Thüringer Staatskanzlei  ·  Seitenanfang Impressum Datenschutz